Das geleakte Netzpaket zeigt deutlich: Das Bundesministerium für Wirtschaft und
Energie (BMWE) plant mit mehr Gas im Strommix. Doch lohnt sich der Schritt bei
allen Klimafolgen wenigstens ökonomisch? Wir haben nachgerechnet!
Mit dem Referentenentwurf zum Netzpaket stellt das Bundesministerium für Wirtschaft
und Energie die Energiepolitik auf den Kopf. Die Erneuerbaren sollen als „Kostentreiber“
ausgebremst werden. Stattdessen plant Katharina Reiche, wieder stärker auf Gas zu
setzen. Das soll Sicherheit in der Energieversorgung und niedrige Strompreise bringen.
Doch die realen Zahlen zeichnen ein völlig anderes Bild.
Strom aus Erdgas ist deutlich teurer als Strom aus Erneuerbaren Quellen. Auch wenn
der Netzausbau dem EE-Ausbau noch mehrere Jahre hinterherhinkt, dadurch
Redispatch-Kosten steigen und erhebliche Investitionen in neue Netzinfrastruktur
notwendig werden: Die Gesamtkosten für Grünstrom – inklusive Redispatch und
Netzausbaukosten – liegen weiterhin klar unter den Erzeugungskosten von Strom aus
Erdgas. Warum das Bundeswirtschaftsministerium dennoch davon ausgeht, dass ein
langsamerer Ausbau der Erneuerbaren Stromkosten senkt, ist nicht nachvollziehbar.
Redispatch erhöht Strompreis kaum
Der immense Preisunterschied wird am Beispiel Windkraft deutlich. Rechnen wir also
nach. Wir nehmen an, der Netzausbau läuft dem Ausbau der Erneuerbaren noch weitere
fünf Jahre hinterher und die dadurch entstehenden Redispatch-Kosten werden auf die
Stromgestehungskosten von Windenergie umgelegt. Der Effekt auf den Strompreis
bleibt gering. Bei Windstromkosten von 8,5 ct die Kilowattstunde (kWh)
(80-%-Windstandort) führt ein pauschaler Zuschlag von 5 % Redispatch-Mehrkosten für
einen fünf Jahre verzögerten Netzausbau, über eine Betriebsdauer von 20 Jahren zu
einem Preisanstieg um rund 1,25 %. Die Kosten pro Kilowattstunde Windstrom steigen
damit von 8,5 ct auf etwa 8,7 ct.
Netzausbau einpreisen
Auch der durch Windkraft ausgelöste Netzausbau wirkt sich nicht so stark aus, wie so
oft vorgetragen. Laut einer EWI-Studie zu Netzausbaukosten sind in den
Ausbaugebieten der Erneuerbaren in der Spitze zusätzliche Netzinvestitionen von rund
180 Euro pro Kilowatt Leistung (kW) erforderlich. Verteilt man diese Kosten auf eine
Netzlebensdauer von 40 Jahren und berücksichtigt die von der Bundesnetzagentur
zugelassene Eigenkapitalverzinsung von 5 %, ergeben sich daraus lediglich rund 0,3 ct
zusätzliche Kosten pro kWh Windstrom. Die Vollkosten von Windstrom inklusive
Netzausbau liegen damit bei rund 9,0 ct/kWh und damit weit unter den Preisen für
Strom aus Gas.
Strom aus Erdgas
Laut einer Studie des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie betragen nämlich
allein die variablen Kosten für Strom aus Erdgas rund 10,5 ct pro kWh und liegen so
bereits deutlich über den Vollkosten für Windstrom (inklusive aller nötigen
Maßnahmen).
Investitionskosten treiben Preis weiter
Aber dabei bleibt es nicht. Bei modernen Gas- und Dampfturbinenkraftwerken (GuD) ist mit Investitionskosten von
etwa 2.000 US-Dollar pro kW zu rechnen (umgerechnet rund 1.800 Euro pro kW). Verteilt
man diese Investitionen auf 2.000 Vollaststunden pro Jahr und eine technische
Lebensdauer von 35 Jahren (insgesamt 70.000 Betriebsstunden), ergeben sich
zusätzliche Kosten von 2,6 ct pro kWh.
Nächster Kostenpunkt: Eigenkapitalverzinsung. Bei einer Rendite von 5 % und einer
durchschnittlichen Kapitalbindung über die halbe Laufzeit von 35 Jahren ergibt sich ein
zusätzlicher Kostenblock von rund 2,25 ct/kWh (5 % × 35/2 Jahre). Damit liegen die
betrieblichen Vollkosten eines GuD insgesamt bei
etwa 15,35 ct/kWh Strom.
Fossile Importe werden teuer
Hinzu kommen noch Sicherheitskosten für die Absicherung der Schiffstransporte von
Flüssiggas (LNG) bspw. gegen Piraten oder die Huthi. Sowie die erhöhten
Rüstungskosten in Europa durch die Aufrüstung von autokratischen Staaten, die über
fossile Importe finanziert werden. Das sind nach einer Studie des
Weltwirtschaftsinstituts der Uni Kiel 31 ct pro 1 € fossile Importe.
Resilienzkosten nicht zu vernachlässigen
Ein GuD mit 55 Prozent Wirkungsgrad braucht für 1 kWh elektrische Energie (el) 1,82
kWh Erdgas. Bei einem Erdgaspreis von 4 ct/kWh sind das 2,26 ct/kWh el
Resilienzkosten.
Im Ergebnis müssen wir also bei einem verzögerten Ausbau der Windenergie
Windstromkosten von 9,0 ct/kWh ersetzen durch GuD-Kosten von (minimum) 17,6
ct/kWh.
Reißen der EU-Klimaziele
Noch nicht berücksichtigt in der Rechnung: die Mehrkosten eines verzögerten
CO₂-Ausstiegs. Nach Berechnungen von Agora Energiewende drohen Deutschland
aufgrund verfehlter EU-Klimaziele Strafzahlungen von bis zu 30 Milliarden Euro für die
kommenden fünf Jahre.
Es geht bei unserer Gegenüberstellung um die Strommengen, die durch einen
verzögerten Ausbau der Windenergie zusätzlich durch Gaskraftwerke erzeugt würden. Es
geht nicht um die Stromerzeugung in der Dunkelflaute. In der Dunkelflaute ist eine
Gegenüberstellung der Kosten von Gaskraftwerken zu anderen Alternativen wie
Großbatteriespeichern, Vehicle to grid (VtG), Stromaustausch mit Skandinavien und vor
allem Bioenergie notwendig

